Donnerstag, 26. Dezember 2013

Lebensgeschichten #6

Hier ein weitere "Geschichte, die das Leben schrieb"...


Liebe Hanni,

ich schreibe dir eine Geschichte, die nichts mit Kinderwunsch zu tun hat. Die Geschichte von meiner Schwester, die seit über 30 Jahren versucht, gegen ihre Sucht anzukämpfen. 
 
Im Alter von 16 wollte meine Schwester weder Frau sein noch werden, das ist jedenfalls der Grund den sie nennt, der Auslöser für das Monster mit dem Namen Magersucht. Mich begleitet dieses Thema seit es mich gibt. Seit ich zuhören und reden kann, dreht sich alles um Gewicht, Essen, Kochen, Kalorien, die Figuren anderer Frauen und Sport.
 
Nach vielen Therapien, Klinikaufenthalten und Umzügen in kleine eigene Wohnungen, in denen sie nie die Zufriedenheit gefunden hat, die sie sich immer schon wünscht, haben wir von aufgeben über weiterkämpfen alles durch. Momentan so scheint es, sind wir am kämpfen. Kämpfen um ein "normales" Leben, kämpfen um von den Entwässerungstabletten und Abführmitteln wegzukommen. Es tut mir unheimlich leid, wie meine große Schwester, kämpft und kämpft und schon so oft verloren hat. Sie hat ein irrsinniges Durchhaltevermögen, steht immer wieder auf und macht weiter, wo ich schon lange aufgegeben hätte. Ich hoffe so sehr für sie, dass es sich diesmal lohnt. Das sie durchhält.
 
Wie durch ein Wunder ist sie in einer Phase in der es ihr besser, ging schwanger geworden. Sie hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und das, obwohl sie zunächst in der Schwangerschaft weiter abgenommen hat. Mittlerweile ist er 21 Jahre alt und ich bin stolz ihn, seine Kraft und Liebe gegenüber seiner Mutter, mit der er es die meiste Zeit nicht leicht hatte, vor allem wenn er nicht essen wollte.
 
Ich bedaure sehr, dass ich meine Schwester nie richtig kennengelernt habe, so wie sie war bevor sie diese Krankheit zu dem gemacht hat was sie jetzt ist. Ich hasse es manchmal mich ständig zu wiederholen, ihr ständig die gleichen Sachen zu erzählen...ich bin wütend darüber, dass wir wenn wir uns sehen, meistens nur kurz über normale Dinge reden können. Ich bin enttäuscht, dass sie nie fragt wie es uns eigentlich geht. Aber ich reiße mich jedes mal wieder zusammen und höre mir die immer selben Geschichten, Sorgen und Ängste an, in der Hoffnung, dass es irgendwann aufhört.
Sie hält sich an mir fest, umklammert meine Hand und fühlt sich von mir verstanden, obwohl ich ihr mit nichts helfen kann. Alles was ich mache ist zuhören. Ihr Mut zu zusprechen, ihr zu sagen sie soll nicht aufgeben. Ich kann es weder nachvollziehen noch verstehen, wir sind alle in der Familie mittlerweile nur noch hilflos. Es ist furchtbar nicht mehr tun zu können, zu zusehen, wie jemand der schon alles an Therapien ausprobiert hat, einfach nicht weiter zu kommen scheint.
 
Irgendwas ist in diesem Jahr allerdings anders. Den letzten Klinikaufenthalt hat sie von sich aus abgebrochen. Sie war der Meinung, sie schafft es diesmal allein. Und - ich mag es noch gar nicht glauben, aber sie ist guter Dinge, sie nimmt jetzt schon über zwei Monate keine Tabletten mehr. Das Gewicht, dass sie bisher zugenommen hat, ist fast nur Wasser und wir haben einen langen langen Weg vor uns. Aber - vielleicht schaffen wir es! Wenn wir fest genug zusammenhalten, hält sie vielleicht durch. Ich würde ihr von Herzen ein "normales" Leben wünschen, wenn man ihres jemals als normal bezeichnen kann, aber wenigstens eins wo sie ihre Zufriedenheit findet und endlich ihr Glück erfährt, nach dem sie schon so lange sucht.
 
Zwei Monate hat sie schon geschafft auf ihrem Weg zurück. Die meisten Ärzte sehen bei ihr keine Hoffnung mehr, weil alles schon so lange andauert, weil die Organe teilweise Schaden genommen haben.  Ich hoffe so sehr, dass sie gewinnt...und ich bin so so froh, dass ich ein "normales" Leben habe! 
 
Das war meine vielleicht traurige Geschichte, deren Ende absolut offen ist, wenn man der Realität ins Auge blickt...eine Geschichte die vom Kämpfen erzählt und die mich jetzt schon seit ich auf der Welt bin - also 34 Jahre lang begleitet.

Lg von "Wünsch dir was"
 

Liebe Wünsch dir was,
 
man fühlt sich so hilflos, wenn man zusehen muss, wie ein Mensch, den man liebt, sich selbst zerstört. Mehr als für sie da sein und sie ermutigen, das ihr gegebene Leben zu leben, kannst du leider nicht machen. Die Kraft, aus diesem Sumpf herauszukommen muss jeder für sich selbst entwickeln.
Nur so kann man eine Sucht bekämpfen. Wie es scheint, ist deine Schwester eine Kämpferin.
 
Ich danke dir für deine Geschichte. Ich habe lange überlegt, ob ich an Weihnachten überhaupt Geschichten veröffentliche. Aber eigentlich...warum nicht? Das Leben läuft auch an Weihnachten weiter. Und gerade jetzt ist es doch die Zeit, in der man den Blick ein wenig von sich selbst lösen sollte und auch mal über andere nachdenkt.
 
Liebe Grüße
Eure Hanni
 
 
 
 
 

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