Dienstag, 14. Januar 2014

Lebensgeschichten #8


Hallo miteinander,

ich habe noch eine Geschichte, die ich gerne veröffentlichen würde. Die liebe ZweiLinien hat mir ihre Geschichte geschickt, als es ihr selbst gerade sehr schlecht ging. Aber lest selbst...


"Die Mama hat deine Schwester viel lieber als dich." Diesen Satz habe ich häufig gehört als Kind. Mit kleinen Widerhaken hat er sich immer tiefer in mein Herz gegraben, jedes Mal, wenn er mir gesagt, mir zugeflüstert wurde. Jede - vermeintliche - Ungerechtigkeit mir gegenüber damit begründet. "Die Mama hat deine Schwester viel lieber als dich." Die Selbstzweifel wuchsen. Das Selbstbewusstsein schrumpfte in solchen Momenten. Die Frage nach dem "Warum" nagte an mir. Dabei gab es objektiv betrachtet keinen Grund. Meine Mama, später meine Eltern, haben keinen von uns Kindern bevorzugt. Aber welches Kind ist schon objektiv? Im Grundschulalter? Wenn die Oma sowas sagt?
Irgendwann war meine seelische Qual so schlimm, dass ich meinen Eltern diese "Tatsache" unter Tränen entgegenschluchzte "ihr habt meine Schwester viel lieber als mich". Ich sah das pure Entsetzen in ihren Gesichtern. Sie versicherten mir glaubhaft, dass das nicht so ist und sie alle Kinder gleich lieb haben. Ich habe gespürt, dass sie es ernst meinen. Trotzdem hat es lange, sehr lange gedauert, bis diese Wunde verheilt ist - da war ich schon erwachsen. Lange Zeit fühlte ich mich nicht liebenswert. Nicht der Liebe wert. Und als der erste Junge mein Herz brach, da war dieses "der hat ne Andere lieber als dich" wieder da.
Also versuchte ich, mich selbst wieder mehr zu lieben. Denn nur wer sich selbst liebt, den können auch andere lieben. Was sind meine Stärken? Was sind meine Schwächen? Was mag ich selbst an mir, was kann ich gut? Es hat lange gedauert, bis ich zu mir selbst fand.

Glücklicherweise hat es das Verhältnis zu meiner Schwester nicht wirklich negativ beeinflusst. Wir sind wie Pech & Schwefel.
Meine Oma hat mich nicht nur in dieser Sache manipuliert. Doch erst als erwachsene, gefestigte Frau sind mir viele Dinge bewusst und dann zu viel geworden. Lüge über Lüge, Egoismus und Gefühlskälte ohne Ende. Nach einem sehr heftigen Streit mit der gesamten Familie ist sie ohne Abschied ausgezogen. Eine Versöhnung gab es nicht.
Heute habe ich erfahren, dass im Krankenhaus ist und im Sterben liegt. Meine Mutter war dort, hat den Papierkram erledigt und sich verabschiedet. Ich wohne nicht dort, meine Schwester auch nicht. Wir werden auch nicht hinfahren. Es tut mir leid, dass es so endet - es hätte auch anders sein können. Ein Wort der Einsicht hätte genügt. Meine Oma ist 93 Jahre alt, sie hat schwere Zeiten erlebt und die vielen guten hat sie sich und anderen sehr schwer gemacht. Das letzte was ich ihr wünschen kann, ist dass sie mit sich selber Frieden schließt. Doch die Narben auf meiner Seele, die bleiben.

Liebe ZweiLinien,

Kinder haben ihre eigene Welt und denken in ganz andere Richtungen wie wir "Großen". Und was ist in dieser Welt schlimmer, als das Gefühl zu haben, nicht geliebt zu werden?
Es tut mir leid, dass so viele Worte ungesagt blieben  und eine Versöhnung ausblieb. Du kannst es in deinem Leben nur besser machen.

Deine Hanni

PS: Ich sammel immer noch Geschichten, ich freue mich über jede.

Kommentare:

  1. Liebe ZweiLinien,
    liebe Hanni,

    danke für die Lebensgeschichte, die mir in Ansätzen bekannt vorkommt, so fühlte ich mich doch auch oft ungeliebt und minderwertig.

    Schön, dass aus dir so eine tolle Frau geworden ist.

    Es drückt dich
    einspluseins

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  2. Liebe Hanni,

    Danke dir für die Geschichten die das Leben so schreibt. Ich lese sehr gerne in deinem Blog.

    ZweiLinien möchte ich gerne sagen.....

    Ich bin auch gerade dabei meine negativen Glaubenssätze zu durchsuchen, und es gibt sehr viele davon.
    Wichtig ist es zu VERZEIHEN, allen daran beteiligten Personen.
    Sie haben alle nur so gehandelt, weil sie es nicht besser wussten.
    Vielleicht wurde deine Oma als kleines Mädchen auch so behandelt und sie hat nichts anderes gesehen. Du hast noch die Chance sie zu fragen vielleicht kannst du sie dann besser verstehen und ihr verzeihen.

    Alles Liebe
    Scholastica

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    1. Liebe Scholastica,

      ich weiß zwar nicht, wen du mit "allen daran beteiligten Personen" meinst. Denn wem müsste ich deiner Meinung nach verzeihen, außer meiner Oma? Deren Handeln ich im Übrigen nicht mit "weil sie es nicht besser wusste" beiseite schieben kann. Sie war eine erwachsene Frau, die bewusst ein kleines Mädchen manipuliert, eine Kinderseele verletzt hat. Im Übrigen war diese eine Sache nur die Spitze eines ziemlich hohen, ziemlich unglaublichen Eisbergs. Unsere Handlungen haben immer Konsequenzen und die müssen wir tragen. Sie ebenso wie ich.

      Ich hatte viel Geduld, lange lange Zeit. Aber irgendwann ging es nicht mehr.

      Die Chance sie zu fragen habe ich im Übrigen nicht mehr. Sie ist ein paar Stunden nachdem ich den Text verfasst habe, verstorben.

      Viele Grüße,
      ZweiLinien


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    2. Oh, liebe ZweiLinien, ich wollte dich nicht verärgern. Ich habe vergessen, wie lange ich gebraucht habe bis ich das VERZEIHEN verstanden und erlebt habe.
      Ich glaube wir suchen uns unsere Eltern aus und treffen auf die Personen, die wir brauchen um unser Lebensaufgabe zu finden und zu leben.
      Ich habe das Buch von Neale Donald Walsch ICH BIN DAS LICHT Die kleine Seele spricht mit Gott, und DIE KLEINE SEELE UND DIE ERDE gelesen. Ich glaube so ähnlich wie im Buch ist es wirklich.

      ...um deine Frage noch zu beantworten, mit " allen beteiligten Personen" meine ich die, die dich verletzt haben. In deinem Fall deine Oma.

      Ich wünsche dir und deiner Oma ganz viel Licht und Liebe.

      Scholastica

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